Im Sturmwind des Sozialismus

Max Kretzer: Im Sturmwind des Sozialismus
Fassung: 1. Auflage
Verlag: Saga Egmont
Erschienen:
Sprache: Deutsch
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„Vor der Maschinenhalle, einem gleich den anderen Gebäuden roten Backsteinhause, an dem die Arbeiter sämtlicher Werkstätten vorbeigehen mußten, hatten sie sich zu einem dichten Haufen gestaut und blickten neugierig zu einem großen, schwarz auf rot gedruckten Plakat empor, das an der einen eckigen Säule am Eingange des Gebäudes angeklebt war. Kaum hatte einer der Vordersten die Bekanntmachung gelesen, so war die Lücke auch schon durch einen Zweiten ausgefüllt, und während er sich durch nachdrängende Menge Bahn zu brechen suchte, hielten ihn ein paar Dutzend Arme fest, um ihn zur Mitteilung des Gelesen zu bewegen. Dann klang es in allen Tonarten wie: ›Du, was gibt’s denn?‹ – ›Was wollen sie wieder?‹ – ›Was ist denn los?‹ Und dann kam gewöhnlich dieselbe Antwort: ›’s ist wegen unserer Forderungen. Wer es wagen sollte, für den Streik zu agitieren, soll auf der Stelle entlassen werden.‹" In dieser frühen Erzählung wendet sich Max Kretzer als einer der ersten deutschen Autoren den Problemen des Industrieproletariats zu und tritt mit großer, deutlich sozialdemokratisch geprägter Verve für die Rechte der ausgebeuteten Fabrikarbeiter ein.

Max Kretzer (1854–1941) war ein deutscher Schriftsteller. Kretzer wurde am 7. Juni 1854 in Posen als der zweite Sohn eines Hotelpächters geboren und besuchte bis zu seinem 13. Lebensjahr die dortige Realschule. Doch nachdem der Vater beim Versuch, sich als Gastwirt selbstständig zu machen, sein ganzes Vermögen verloren hatte, musste Kretzer die Realschule abbrechen. 1867 zog die Familie nach Berlin, wo Kretzer in einer Lampenfabrik sowie als Porzellan- und Schildermaler arbeitete. 1878 trat er der SPD bei. Nach einem Arbeitsunfall 1879 begann er mit der intensiven Lektüre von Autoren wie Zola, Dickens und Freytag, die ihn stark beeinflussten. Seit dem Erscheinen seines ersten Romans "Die beiden Genossen" 1880 lebte Kretzer als freier Schriftsteller in Berlin. Max Kretzer gilt als einer der frühesten Vertreter des deutschen Naturalismus; er ist der erste naturalistische Romancier deutscher Sprache und sein Einfluss auf den jungen Gerhart Hauptmann ist unverkennbar. Kretzer führte als einer der ersten deutschen Autoren Themen wie Fabrikarbeit, Verelendung des Kleinbürgers als Folge der Industrialisierung und den Kampf der Arbeiterbewegung in die deutsche Literatur ein; die bedeutenderen Romane der 1880er und 1890er Jahre erschlossen Schritt für Schritt zahlreiche bislang weitgehend ignorierte Bereiche der modernen gesellschaftlichen Wirklichkeit für die Prosaliteratur: das Milieu der Großstadtprostitution (Die Betrogenen, 1882), die Lebensverhältnisse des Industrieproletariats (Die Verkommenen, 1883; Das Gesicht Christi, 1896), die Salons der Berliner "besseren Gesellschaft" (Drei Weiber, 1886). Sein bekanntester Roman, "Meister Timpe" (1888) ist dem verzweifelten Kampf des Kleinhandwerks gegen die kapitalistische Konkurrenz seitens der Fabriken gewidmet. Während Kretzer anfangs der deutschen Sozialdemokratie nahestand, sind seine Werke nach der Jahrhundertwende zunehmend vom Gedanken eines "christlichen Sozialismus" geprägt und tragen in späteren Jahren immer mehr den Charakter reiner Unterhaltungsliteratur und Kolportage. Er starb am 15. Juli 1941 in Berlin-Charlottenburg.

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